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Biohof Tambke – der Apfel fällt nicht weit von Hamburg

Jeder, der einen Apfelbaum im Garten hat, kennt es: Es gibt gute und schlechte Apfeljahre. Der Grund dafür ist naheliegend, denn ein Apfelbaum ruht sich aus, nachdem er ein Jahr reiche Ernte und damit eine schwere Last an seinen Ästen getragen hat. Entsprechend weniger trägt er im kommenden Jahr. So ist die Natur, das ist Bio. Dieser Herausforderung, wie auch vielen anderen, muss man sich stellen, wenn man bio arbeitet. Und davon lebt – sich also nicht nur im Privaten über etwas Apfelkompott freut.

Während die Industrie für jedes Wehwehchen ein schnelles wie kurzfristig wirkendes Mittelchen hat, gilt es für Biolandwirte, sensibel auf ihr Altes Land, ihre Naturbestände und Leute zu schauen, sie zu hegen und zu pflegen. 
Das Ehepaar Hilke und Rolf vom Biohof Tambke hat uns einen Einblick gegeben, was da im Laufe eines Apfeljahres so passieren kann. Seit 2009 arbeiten sie offiziell nach Bioland-Richtlinien. Seit 20 Jahren haben sie einen Stand auf dem Volksdorfer Wochenmarkt. Zwei Jahrzehnte, in denen sich auch in Sachen Apfelsorten einiges getan hat. Zusammen mit Labradorhündin Jolie machen Hilke und ich einen Obstspaziergang.

Bio – weniger Ertrag und mehr Handarbeit

Mit Biobäumen Ertrag zu bekommen, und zwar gleichmäßigen, ist eine Herausforderung und Handarbeit. Die Apfel-Neuzüchtung Natyra ist der Renner des Wochenmarktstandes – aber nicht für den Großhandel geeignet. Die Sorte eignet sich besonders gut für den Bioanbau, weil sie mehltauunempfindlich und schorfresistent ist, Faktoren, auf die es ankommt, wenn man nicht mit Schädlingsbekämpfungsmitteln arbeiten will.

Nichtsdestotrotz muss man sich viel um jeden Baum kümmern. Und das bereits während der Blüte, erklärt Hilke beim Rundgang durch die Baumreihen. „Es müssen Blüten herausgeknipst werden, um jedes Jahr Ertrag auf den Baum zu bekommen und eine gleichmäßige Ernte zu gewährleisten. Man darf keinen Überbehang zulassen.“
Alternanz nennt man es, wenn ein Baum ein Jahr trägt und das darauffolgende pausiert. „Wenn eine Anlage erst in der Alternanz ist, hat man kaum Chancen sie da herauszubekommen“, erklärt Hilke. Die Qualität der Früchte leide aber ebenso, der Geschmack, die Größe. 
„Als Betrieb kannst du es dir nicht leisten, ein Jahr viel Arbeit zu haben, ein Jahr wenig. Man muss ja auch mit den Mitarbeitern planen, wenn man gute Mitarbeiter halten und binden möchte. Die Tafelware Apfel ist Handarbeit, da braucht man Menschen, die jeden Apfel druckstellenfrei in die Kiste legen.“

Jeder Baum hat nur Kraft für eine gewisse Anzahl an Früchten, bei zu hoher Fruchtanzahl schwächt das den Baum, und da er schon im Spätsommer die Anlagen für die Blüte im kommenden Jahr bildet, würde diese Neuanlage bei zu vielen Äpfeln eben gering ausfallen. 
Aber auch beim natürlichen Junifall muss man starke Nerven haben, denn häufig sieht es so aus als würden mehr Äpfel unter dem Baum liegen, als noch an den Ästen hängen.

Fleißige Bienchen werden nicht nur zur Ernte und Pflege der Bäume gebraucht, sondern auch zum Bestäuben. Dafür haben sie eine nachhaltige Lösung gefunden. Nach einem individuell auf ihre Flächen ausgelegten Plan haben sie Wildbienenkästen auf dem Hof angebracht. Der Vorteil der Wildbienen: Je nach Rasse fliegen sie auch bei schlechtem Wetter und kühleren Temperaturen. Die Völker überwintern wie die Äpfel im Kühlhaus und werden ein paar Tage vor der Apfelblüte wieder ins Freie gebracht. 

„Wir geben allen Mitarbeitern ein gutes Zuhause“, erzählt Hilke mit einem Lächeln. „Auch unsere Erntehelfer fühlen sich seit Jahren wohl hier. Und das ist auch wichtig, denn sie sind eine lange Zeit hier.“ Neben Äpfeln gibt es bei den Tambkes nämlich auch Birnen, Kirschen, Pflaumen und Zwetschen – alle natürlich bio. Der Anbau ist nicht weniger aufwendig. 14 Sorten Biokirschen wachsen hier mit Beginn des Sommers. „Die Achat ist die leckerste Sauerkirsche – speziell für den Bioanbau geeignet und geliebt von den Volksdorfern. Mit der Regina endet dann die Kirschsaison“, erzählt Hilke, als wir die letzte Reihe erreicht haben. Die Kirschbäume werden mit einem UV-durchlässigem Dach überspannt und die gesamte Anlage mit 1×1-mm-Netzen komplett geschlossen, um der Kirschessigfliege keine Chance zu geben. Die Kirschfruchtfliege wird erfolgreich mit Gelbtafeln abgefangen.

Kreislaufwirtschaft

Nützlinge sind den Tambkes sehr wichtig. Zwischen jeder Apfelreihe wird ein Blühstreifen eingesät, dafür gibt es mittlerweile sogar einen Pflug mit Extraaufsatz, erzählt Hilke. Auch zahlreiche Wildobstbüsche steigern die Biodiversität – sie tragen jetzt im Herbst leuchtende Früchte. Neben Bienenästen gibt es Hummelbehausungen, Vogelkästen, sogar spezielle für Falken und Bussarde, denn diese Mitarbeiter kümmern sich um unerwünschte Mäuse.

Wasser ist auch ein entscheidender Faktor für den Obstbau, der eigentlich auf fast jedem Boden möglich ist. Und da liegt das Alte Land an der Quelle, bzw. der Elbe. Von der Süderelbe führen Gräben das Wasser in Rückhaltebecken. Das Gebiet liegt zum Teil einen halben Meter unter dem Meeresspiegel und muss künstlich entwässert werden. 
Das Wasser wird zum Bewässern genutzt, sofern notwendig, hat aber auch im Frühling eine wichtige Aufgabe. Dann wird es zum Beregnen als Frostschutz der Blüten genutzt. 
Die Rückhaltebecken wurden großzügig angelegt und haben extra Flachwasserzonen für Tiere und Pflanzen.

Auch der Hof wird nachhaltig bewirtschaftet. Auf dem Dach der Kühlhäuser, in denen die Äpfel überwintern, sind Photovoltaik- und Solaranlagen installiert. Mit einer Wärmerückgewinnungsanlage der Kühlhäuser werden die Unterkünfte der Mitarbeiter beheizt. Je nach Bedarf wird eine Stückgutheizung eingesetzt, für die das Altholz der gerodeten Apfelbäume genutzt wird. 

Der Blick in die Zukunft gehört immer zur Arbeit

Die Versorgung mit Nahrung muss für einen Baum, ob Kirsche oder Apfel, besonders in der Blüte gut sein. „Sonst sagt der Biobaum: ‚Sorry, ich kann grad nicht‘, dann wird auch die Befruchtung nix. Der Baum muss immer gut versorgt sein. Wenn man sieht, dass das Grün der Blätter verblasst, ist es schon fast zu spät. Im Gegensatz zu künstlichem Stickstoffdünger, der als kurzfristiger ‚Vitalizer‘ eingesetzt wird, müssen wir mit Naturdünger langfristig denken, denn der wirkt nicht so schnell. Wir wollen nachhaltig lebendige Böden.“ Dafür wird am Hof mit dem Mist ihrer drei Pferde gedüngt, außerdem mit Rübenmelasse und Champost, eine Verwertung von Überresten der Champignonzucht. Dafür haben sich die Tambkes zusammen mit einem befreundeten Betrieb einen Miststreuer angeschafft – sharing ist caring.

„Volksdorf liebt es knackig!“

Hilke, vom Biohof Tambke

Alte Anlagen werden ersetzt durch schorfresistente Sorten. „Daher haben wir am Stand auch immer neue Sorten. Uns geht es dabei nicht ums Neue, nicht darum, uns interessant zu machen, wir brauchen einfach Sorten, die sich für den Bioanbau eignen. Es geht um Verlässlichkeit und Natürlichkeit“, schildert Hilke Tambke die Entwicklung. Denn die ganz alten Sorten lassen sich zu ihrem Bedauern leider oft nicht so gut verkaufen. „Wir hatten auch Finkenwerder Herbstprinz, den ursprünglichen. Aber wenn man mit vier Kisten zum Markt fährt und mit drei Kisten zurückkommt, kann man davon nicht leben. Andere alte Sorten, wie Gravensteiner oder Rubinette, laufen zum Glück gut, somit können wir die auch erhalten.“

Hilkes kleine Apfelsortenkunde:

„Rubinette hat eine zarte Schale und zartes Fruchtfleisch, wird nicht mehlig und hat viele Liebhaber. Wir sagen dann immer: Das Leben hat wieder einen Sinn, Rubinette ist da … Holstein Cox ist toll frisch vom Baum, wird dann aber gnadenlos mehlig. Wir wollen und können den nicht konservieren. Natyra und Braeburn werden als Letzte geerntet, sind superknackig und feinsäuerlich.“

Mit dem Natyra hat der Biohof Tambke einen Apfel gefunden, der auch die Lagerungslücke bis zum neuen Apfeljahr schließt – denn der Natyra ist so lange knackig, dass wird nicht nur Volksdorf lieben.

Dieser Beitrag ist in Zusammenarbeit mit dem Biohof Tambke entstanden.