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elbwild – Jagen fürs Tierwohl

Es mag beim Lesen wie ein Widerspruch erscheinen – Tierwohl und ein Tier zu töten – warum es das nicht ist, erfahren wir an einem Ort, wo Leben und Tod im Wald ganz dicht beisammen sind, nur Millisekunden voneinander entfernt. Auf einem Hochsitz an einer Lichtung im Abendlicht. Eine halbe Stunde die A24 entlang auf der Jagd nach einem 12-Ender, einem Reh oder Überläufer. Für Städter wirkt es hier draußen wie Niemandsland, tatsächlich ist es Natur pur. Wild, unberührt, ursprünglich. Sogar ein Wolf streift manchmal durch das Revier von Arne, dem Gründer von elbwild

Das Navi versagt auf der alten Militärstraße im ehemaligen Grenzgebiet. Arne aber ist wachsam, winkt uns schon zu. Bevor wir durch den Wald streifen, treffen wir uns am Waldesrand, im Garten seines Hauses. Hier steht ein waidmannsgrünes „Grillei“, ein erstes Zeichen, dass er nicht nur weiß, wie man jagt, sondern auch kocht, grillt und genießt. Die Vermutung wird von ihm bestätigt: Schon mit 16 hat Arne eine Kochausbildung gemacht. Das merkt man auch im weiteren Verlauf des Gesprächs, er beweist Feinsinn und hat stets verschiedene Blickwinkel auf das Thema Wild und Fleisch. Die Jagd begleitet ihn von klein auf, seinen ersten Hasen hat Arne im Vorschulalter aufgebrochen.
Nach seiner Kochausbildung ist er im Marketing gelandet, hat auch bei einer Wildtierstiftung gearbeitet. Dann wuchs der Wunsch eigenständig zu arbeiten und etwas zu verändern. Seinen Erfahrungs-Rucksack hat er immer auf, wenn er durch den Wald streift.
Es ist aber nicht nur die Vermarktung von Wildfleisch, die ihm am Herzen liegt. 

Der Tot kommt vor dem Knall

Das Thema Tierwohl hat ihn dazu bewogen sich, intensiver mit Wild auseinanderzusetzen. Für Arne ist neben einem freien Leben, auch ein respektvoller, leidloser und leiser Tod selbstverständlich. Jedes geschossene Tier bekommt, wenn der Jäger gut schießt, was für ihn auch eine Voraussetzung ist, vom Tod nichts mit. Es ist gestorben, bevor es den Schuss hören kann. Ohne Stress, an dem Ort, wo es gelebt hat.
Diesen Lebensabschluss per Schuss wendet er auch für Rinder an. Ein Landwirt in der Region hatte dieselbe Einstellung wie er und wollte für seine Bio-Zucht von Auerochsen, Wasserbüffeln und Limousin-Rindern ein stressfreies Schlachten.

„Die Tiere sind das ganze Leben draußen auf der Weide. Und dann karrt man sie am Ende ihres Lebens zum Schlachthof, wo sie aufgewühlt unter Stress stehen. So ein Ende hat kein Tier verdient. Das wollten wir ändern.“

Arne Bläsing von elbwild über Bio-Rinderzucht.

Auch wenn es für diese Art sehr viele Regularien gibt, für das Tierwohl lohne sich die Bürokratie, sagt Arne. Jeder Weideschuss geschieht unter Aufsicht eines Veterinärs. Anschließend werden die Tiere nur zehn Treckerminuten entfernt im nächsten Dorf zerlegt. 

Artgerecht und waidgerecht

Ein weiterer Augenöffner für Arne war ein Aufenthalt auf einer Rotwildfarm in Neuseeland. Dieser wurde nach seiner Rückkehr mit Blick in die Fleischtheken bestätigt. Das meiste Wildfleisch in Deutschland war und ist immer noch Importware. Und das, obwohl die heimischen Wälder voll von Wild sind, das nicht um die halbe Welt verschifft werden muss. Noch dazu werden die Tiere in Übersee in Gehegen gehalten. Artgerecht und nachhaltig geht anders. Auf dem Teller eine weitere Enttäuschung: Es ist Fleisch minderer Qualität. Gesunder Muskelaufbau entsteht durch natürliche Bewegung und natürliches Fressverhalten, ohne Beeinflussung von außen. Eine weitere Absurdität: Das Fleisch aus Neuseeland kann als Bio-Fleisch gekennzeichnet werden, die natürlich lebenden Artgenossen in unseren Wäldern dürfen so aber nicht vermarktet werden. Auch wenn ihr Leben absolut natürlich ist. 
Zum Tierwohl gehört für Arne auch waidgerechtes Jagen. Die meisten Tiere erlegt er selbst, einige bekommt er aber auch von befreundeten Jägern. Dabei legt er höchsten Wert darauf, dass jeder von ihnen das Tier gut erlegt und versorgt.
Die weiteren Aspekte: keine Transportwege, gute Verfügbarkeit – Wildschwein ist beispielsweise das ganze Jahr „verfügbar“. Man reguliert und gewinnt gleichzeitig Wildfleisch, ohne Stallhaltung, in freier Wildbahn.

Der Schuss ist kein Muss

„Jagd, der eigentliche Schuss, das Erlegen, Beute machen ist nur ein kleiner Teil. Manchmal sitz ich stundenlang da und es passiert scheinbar nichts. Aber es ist das Erleben, das Sitzen, das Riechen, das Gesamterlebnis macht Jagd aus.“, sagt Arne mit sanfter Stimme. Wer auch als Geschäftsmann so denkt, handelt eben auch anders. Und sieht es anders.
Arnes Faszination fürs Kochen ist immer geblieben: „Was Wild so besonders macht? Konsistenz, Aroma, Vielfältigkeit – es ist nicht mehr nur Rotkohl, schwere Sauce, schwerer Bordeaux, im Süden Klöße, im Norden Kartoffeln – das ist veraltet. Eine Rehkeule im Ganzem grillen ist ein Gedicht, es ist zart, mager, ein leichtes Sommeressen.“
Es ist ihm eine Freude, mit jungen, kreativen Koch-Kolleginnen und -Kollegen zusammenzuarbeiten, die Lust haben, etwas Gutes aus dem Wild zu machen, die auf Nachhaltigkeit Wert legen, so wie Kevin Bürmann vom hæbel. Das Miteinander und den Austausch schätzt er auch an der Regionalwert AG Hamburg, einem Netzwerk von besonders umweltbewussten Erzeuger*innen und Gastronom*innen, in dem er selbst Mitglied ist. 

„Weniger Fleisch essen, dafür aber bessere Qualität, dahin muss der Weg gehen.“, sagt Arne abschließend und streift nach unserem Gespräch, zusammen mit Franzl, seinem Jagdhund, über die Lichtung.

Dieser Beitrag ist in Zusammenarbeit mit elbwild entstanden.

KategorieFleisch Wild