O

Odefey & Töchter – Tierwohl und Qualität im gesunden Gleichgewicht

Als wir Lars Odefey in der idyllischen Abgeschiedenheit von Mehre im Landkreis Uelzen besuchen, sind es beige und schwarze kleine Wollknäule, die unser Herz im Sturm erobern. Aber es sind nicht etwa Küken – seine Hündin Lotti hat flauschige Welpen bekommen und springt uns aus ihrem Körbchen freudig und stolz entgegen. 

Ein paar Streicheleinheiten später wird uns sofort bewusst, wie sehr Lars Odefey Wert auf Qualität, Umwelt und Details legt. Zur Begrüßung bereitet er uns einen Kaffee in seiner Küche zu, die Bio-Fair-Trade-Bohnen mahlt er frisch und wiegt das Kaffeemehl grammgenau ab, gibt es in eine French Press und temperiert auch das Wasser exakt. Auf dem Tisch steht die Bio-Milch aus der Region. Man könnte meinen, er sei Barista und nicht etwa Hühnerbauer. 

Ganz anders geht er beim Verkauf seiner Tiere vor, hier zahlt der Kunde ein Lebewesen, nicht 200 Gramm Hühnerbrust. Denn die gibt es bei ihm nicht. Wer ein Huhn bestellt, bekommt ein ganzes Tier! Auch in puncto Tierwohl und Fleischqualität gibt es für ihn keine Kompromisse. Beides zu vereinen, auf höchstem Niveau, war der Hauptgrund, warum er Odefey & Töchter gegründet hat. Schon mit dem Namen beweist Lars Humor und zeigt, dass er es anders machen will. Statt Odefey & Sohn setzt er bewusst ein Zeichen für Vielfalt und Gleichberechtigung. Aber auch persönliche Gründe haben ihn bewogen, den Hof zu übernehmen, als seine Eltern den Ruhestand genießen wollten. Die guten Kindheitserinnerungen gehörten mit dazu, denn seit dem siebten Lebensjahr lebt Lars, der in Hamburg-Bergedorf geboren wurde, hier. Durch sein Landwirtschaftsstudium und gesammelte Berufserfahrungen im Geflügellebensmittelbereich in Hamburg wie auch Berlin gewann er reichlich Erkenntnisse, die ihm zeigten, wie man mit Tieren nicht umgeht. Und so nahm er es 2016 selbst die Hand, um Tierwohl und Qualität ins Gleichgewicht zu bringen. 5 Jahre später zieht er die geschmackvollsten Hühner und Hähne auf und arbeitet in einer Kreislaufwirtschaft, die ihn fast autark leben lässt. Bis auf den Kaffee.

Den Hof beheizt er mit Holzhackschnitzeln, die bei Bauern in der Umgebung anfallen. Kürzlich hat er gebrauchte Futtersilos erstanden, um auch hier noch nachhaltiger handeln zu können. Sein absoluter Fokus gilt natürlich der Zucht besonderer Hühnerrassen; die gelegten Eier werden gesammelt, in einer für den Vier-Mann-und-Frau-Betrieb gut zu handhabenden Menge in einem Brutschrank ausgebrütet und die Küken dann im Stall großgezogen, bevor sie auf die Weiden kommen, die rund um den Hof liegen. Seine Hähne und Hühner bekommen das beste Futter und können sich den ganzen Tag lang frei bewegen. Sie stehen nicht etwa ein ganzes, kurzes Leben auf einer DIN-A4-Blatt-kleinen Fläche herum. 
Das Futter, reine Bio-Qualität, bezieht Lars vom Meyerhof zu Bakum, einer Demeter-Mühle aus Melle bei Osnabrück. Es besteht aus einem Mix von Weizen, Mais, Raps, Gerste, Erbse oder Lupine – und kostet über 60 € das Kilo.

Die Lebensdauer unterscheidet sich ebenfalls drastisch zu einem industriell gehaltenen Tier. Ein Hühnchen – Lars hasst die Verniedlichung „Hähnchen“ und die Tatsache, dass damit ein männlicher Hahn gemeint ist, obwohl es in Mastbetrieben genau anders ist – wird in der Regel in einem Monat gemästet und dann geschlachtet. Das Weidehuhn von Odefey & Töchter hat dreimal so viel Lebenszeit. Andere Rassen haben bis zu 26 Wochen schönes Leben vor sich. Das Thema Schlachten ist auch gleich der nächste Aspekt, der Odefey & Töchter so besonders macht. Einmal die Woche werden die Tiere direkt am Hof geschlachtet. Die Tiere haben keinen Transport, keinen Stress. Und der Betrieb kann auf Bestellung schlachten, kein Tier stirbt umsonst. „Das Tier stirbt dort, wo es aufgewachsen ist. Unsere Tiere sind vom ersten bis zum letzten Tag hier am Hof. Die Elterntiere legen die Eier, wir brüten sie aus, ziehen sie groß. Der Transportweg sind 300 Meter mit der Schubkarre, nicht Hunderte Kilometer im LKW“, erzählt uns Lars auf dem Weg von der Weide ins Schlachthaus.
Auf den Weiden rund um den Hof hält Lars seit einem Jahr Shropshire-Schafe. Diese halten Greifvögel durch ihre Präsenz davon ab, auf Beutefang zu gehen. Die Schafrasse hat den Vorteil, dass sie keine Bäume anknabbert, lediglich die Wiesen mäht.

Roter Kamm, weißes Gefieder, blaue Füße
Natürlich hat sich Lars mit Gründung von Odefey & Töchter – wo er nicht alleiniger Hahn im Korb ist, schließlich braucht es auch Zuchthähne – überlegt, welche Rassen auf dem Weg zum besten Huhn für ihn und auch den Standort Uelzener Becken infrage kommen. Neben dem Weidehuhn gibt es für ihn und viele Köche eine Rasse, die herausragende Fleischqualität bietet: Die weltberühmten Bressehühner entwickeln einen sehr intensiven Geschmack. Den bereits auf den ersten Blick erkennbaren Vergleich zum blassen Hühnerfleisch, das man aus den Kühlungen der Supermärkte kennt, sparen wir uns an dieser Stelle. Auch eine vom Aussterben bedrohte Art, das Sulmtaler aus der Steiermark, ist mittlerweile südlich von Hamburg heimisch. Hier schätzen Köche den außerordentlichen Geflügelcharakter. Zudem züchtet Lars auch Marans-Hühner, die ebenfalls für eine ungewöhnliche Fleischqualität bekannt sind, allerdings auch Zeit und Auslauf brauchen. Dann entwickeln sie eine marzipanartige Konsistenz, weil das Muskelfleisch sich fein mit Fett durchzieht.

Mit seiner Arbeit hat es Lars schon geschafft, dass der ein oder andere Vegetarier Appetit auf ein Huhn bekommen hat. Als wir am Ende des Tages vom Hof fahren, bekommen wir noch ein paar Eier vom Weidehuhn, Bressehuhn, Marans und den Sulmtalern mit. Beim Berichten über die Erlebnisse des Tages beim Abendbrot können alle bestätigen, dass Qualität am Anfang beginnt, denn das zeigt sich auch beim Spiegelei.

KategorieFleisch Huhn