T

Tomatenretter – selbstlos für Saatenvielfalt

Wie schmeckt eigentlich eine Tomate?

Gar nicht so leicht diese Frage zu beantworten. Denn die Hybridzüchtungen aus dem Supermarkt bieten nicht viel Aroma. Sie sind auf Transportfähigkeit gezüchtet, haben also eine robuste Schale und festes Fleisch. Reife ist da eher hinderlich, aber Reife ist Aroma. Wer schon mal eine vollreife Tomate gekostet hat, wird dies bestätigen. Den Geschmack einer Tomate zu beschreiben ist aber auch dann nicht leicht. Denn es gibt eine Vielzahl von Sorten. Jede mit einem anderen Aroma. Da ist die Malinowy Smaczek, die „leckere Himbeere“ aus Polen, die Black Cherry, dunkle aus Sibirien, sonnengelbe und die Green Doctors. Alle bekommt man ohne Rezept, aber nur von den Rettern. Den Tomatenrettern.

Der Genuss vollreifer Tomaten in bunter Vielfalt hat uns im Drilling begeistert. Diese Aromavielfalt finden wir bei Allermöhe. In Reitbrook arbeitet der Verein zur Rettung von Geschmacks- und Sortenvielfalt. 
Es ist der letzte Sommertag, der seinen Namen verdient als wir über den Deich fahren, die Sonne bringt die Gose Elbe zum Glitzern. Es ziehen eine Vielzahl von Gewächshäusern an uns vorbei. Erst als es so wirkt als sei man schon über das Ziel hinausgeschossen entdeckt man eine Flagge. Es ist kein Totenkopf darauf, auch wenn es von der Abgeschiedenheit und Attitüde zum Verein passen würde. Eine knallrote Tomate mit Flügeln prangt auf dem Stück Stoff, dass am ersten von drei Gewächshäusern prangt. 

Heute ist offizieller Erntetag

Das heißt, Vereinsmitglieder oder Tomatenliebhaber können vorbeikommen und sich Tomaten pflücken. 100 angebaute Sorten stehen zur Auswahl. Das ist allerdings gerade mal ein Drittel der gesamten Sortenvielfalt. Denn sie pflanzen nicht nur Tomaten an, sie hegen und pflegen auch die Samen alter Sorten. Henning, der Hüter der Tomatenschätze, zeigt mir die Anlage und redet mit mir über das Anliegen des Tomatenretter e.V. Er selbst wohnt den ganzen Sommer hinter den Gewächshäusern in einem Bauwagen. 

Die Gewächshäuser stehen auf fruchtbarem Marschland. In diesem Wurzeln auch die Tomaten, die im Frühjahr herangezogen werden. Auch keine Selbstverständlichkeit, denn viele industrielle Tomaten sehen keinen Humus mehr. Gedüngt wird hier mit dem Mist vom benachbarten Bauer. Bewässert wird mit dem Wasser des Altwasserarms der Elbe, die hinter dem Grundstück entlang fließt. 

Zwischen den Reihen wächst Basilikum, der beim Ernten gleich mitgepflückt werden kann. An den Rändern erblüht Kapuzinerkresse. Auch essbar. Sie dient aber der Ablenkung. Blattläuse machen sich mit Vorliebe erst über die Rankpflanze her. Zur Vertreibung von Wühlmäusen pflanzen sie Knoblauch zwischen die Tomatenpflanzen. Im Gespräch wird schnell klar, die Arbeitsweise ist biodynamisch. Beim Pflanzen und Beschneiden wird auch die Mondphase berücksichtigt. Henning, der erst ein Jahr bei den Rettern ist, schildert mir seinen Moment der Erleuchtung. Nahezu zeitgleich mit einem Kollegen hat er Radieschen ausgepflanzt. Seine waren, im Gegensatz zu ihm selbst, später eher von kleiner Statur. Die Radieschen seines Kollegen hingegen gediehen prächtig. Der einzige Unterschied im Vergleich war die Mondphase beim Pflanzen.

Jeder kann ein Tomatenretter werden

Für 5 € Monatsbeitrag kann man Fördermitglied werden. Im Sommer bekommt man dann 3 kg sonnigste, süßeste und saftigste Tomaten und kann jederzeit Nachschub ernten. Außerdem bekommt man auch etwas vom kostbaren und kostspieligen Saatgut. Denn das Anmelden von Sorten ist nicht nur nicht unbürokratisch, es kostet auch. Wenn dieser Tage die letzten Tomaten geerntet sind – 2 Tonnen waren es insgesamt – geht es an die Saatgutpflege. Aktuell haben die Tomatenretter 350 Samensorten aus der ganzen Welt archiviert. Im Winter kann man sich für den Eigenbedarf auch Samen bestellen. Wer einen sonnigen Unterstand oder gar ein Gewächshaus hat, sollte diese einmalige Gelegenheit nutzen. Dann wird man im Sommer man mit Tomaten belohnt, die ihresgleichen, leider noch viel zu oft, suchen.